Sagen



Der grüne Mann
Wir schrieben das Jahr 1918 und Elisabeth Prinzessin zur Sayn-Wittgenstein-Berleburg (später verh. mit Richard Merton) verbrachte den Sommer mit ihrem Mann, Otto Konstantin Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1878-1955) auf Schloß Friedewald.

Der Prinz genoß es im nahegelegenen Waldgebiet auf die Jagd zu gehen und seine Frau begleitete ihn dabei. Im "Geschwemm" angekommen ließ er Elisabeth und die Hunde zurück, um alleine weiter zu pirschen.

So wartete sie dort auf seine Rückkehr.

Auf einmal bemerkte sie, in der flimmernden Luft des Nachmittags, einen Schatten. Sie drehte sich um, und sah einen Mann, der beide Hände auf den Lauf einer langen Flinte gestützt, mit sonnengebräunten Gesicht, schwarzem Bart und altertümlicher Kleidung ihr gegenüber stand. Sofort vermutete sie hinter dem Fremden einen Wilderer und hetzte die Hunde auf ihn.

Diese jedoch versteckten sich winselnd und mit gesträubtem Fell hinter ihrer Herrin.

Sie fasste allen Mut zusammen und trat einen Schritt auf ihn zu. Plötzlich und vollkommen unerwartet war er nirgends mehr zu sehen. Der Mann war verschwunden und das Moor lag still und menschenleer wie zuvor.

Elisabeth erzählte später ihrem Mann von diesem Ereignis der dies lediglich mit den Worten: "Wenn ich nachts hier gehe, höre ich immer Schritte hinter mir, aber gesehen habe ich noch nie jemanden", kommentierte.

Schloß Friedewald wurde noch im gleichen Jahr an einen Herrn von Oswald verpachtet.

Als Elisabeth Jahre später dessen Schwiegersohn (Baron von Riedesel) kennenlernte, erzählte dieser ihr sein Erlebnis mit dem "grünen Mann":

Baron von Riedesel saß vor dem Abendessen in der Bibliothek von Schloß Friedewald und las. Plötzlich hörte er eine Trommel.

Er dachte sich nichts weiter dabei, da er seinen Sohn dahinter vermutete. Er rief nach ihm, aber niemand antwortete. Er ging in die Halle und sah im Dämmerlicht einen Mann mit schwarzem Bart und altertümlicher Kleidung. Er sprach ihn an und erhielt abermals keine Antwort. Als er einen weiteren  Schritt auf ihn zu trat, drehte der Unbekannte sich um und verschwand in der Wand.

Wochen nach diesem Ereignis soll auch die Baronin von Riedesel ein ähnliches Erlebnis mit dem "grünen Mann" erlebt haben.

Auch in den späteren Jahren meint auch der ein oder andere Besucher der evangl. Sozialakademie, Nachts eine grüne Gestalt gesehen zu haben. Bei dieser, so waren sich alle sicher handelte es sich jedoch um eine "grüne Dame".



Quelle:

In Anlehnung an

Prinz zu Sayn Wittgenstein, Franz (1991): Die Wittgenstein. Der grüne Mann. Prestel Verlag GmbH & Co., S. 268-271.
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Die Mühlenhexe

Es war einmal vor vielen hundert Jahren, als noch Pferdefuhrwerke über die Friedewälder Straßen holperten und Kerzenschein die Häuser erleuchtete, da klapperte am Friedewälder Bach eine kleine Mühle.
In der Mühle wohnte der Müller mit seiner Frau. Die Geschäfte gingen gut und dem Müller eilte der Ruf eines wohlhabenden Mannes voraus. Es hätte so ein schönes, beschauliches Leben sein können, aber die Arbeit war viel und die Müllerknechte wechselten, wie das Wetter im April.
Eines Tages kam ein junger Bursche nach Friedewald und fragte nach Arbeit.
“Der Müller, der könnte immer einen starken Mann gebrauchen!“ erzählten ihm die Bewohner. Aber eines solle er wissen, vor des Müllers Frau solle er sich hüten. Auf einmal ereiferten sich die Friedewälder: „Aus dem Schornstein habe ich Nachts etwas herausfahren sehen!“ erzählte aufgeregt ein Bauer. „Auf einem Besen ist die Müllers Frau durch die Nacht geritten“, ergänzte ein anderer und alle gemeinsam waren sich sicher, dass die Müllerin Hexentänzen beiwohnen würde.
„Oh, ich fürcht´ mich net“, entgegnete der junge Bursche und machte sich auf den Weg zur Mühle. Der Müller, erfreut über die Verstärkung, wies dem Burschen noch am gleichen Tag die Kammer hinter dem Ofen zu.
Der Knecht legte sich nieder, erinnerte sich jedoch vor dem Einschlafen noch einmal an die mahnenden Worte der Friedewälder, und nahm zur Sicherheit seine Axt mit ins Bett.
Um Mitternacht riss ihn ein ungutes Gefühl aus dem Schlaf. Vor ihm leuchteten, im Dunkeln der Nacht, ein paar glühende Augen und das schnurren von zwei Katzen durchbrach die Stille. Da nahm er seine Axt und schleuderte sie den Katzen entgegen und die Tiere flohen kreischend durch den Kamin. Eine Pfote jedoch blieb auf dem Boden zurück. Er hob sie auf und wollte sie so gleich des Morgens dem Müller als Beweis zeigen.
Der Tag brach an und der Knecht suchte aufgeregt den Müller auf. Er zeigte ihm die Pfote und erst im hellen Tageslicht konnte er sehen, dass an der Pfote ein Ring steckte. Er sah den Müller an, aber dieser wurde immer bleicher. Der Müller hatte sofort erkannt, dass der Ehering seiner Frau auf der Katzenpfote steckte. Er stürmte in das eheliche Schlafgemach und rief: „Steh auf“. Sie aber entgegnete ihm: „Ach, ich bin noch so müde!“. Der Müller aber hatte genug gehört, er riss die Bettdecke hoch und sah, dass seiner Frau eine Hand fehlte.
Nun wusste auch der Müller, dass seine Frau eine Hexe war.
Auf dem Galgenkopf wurde sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

In Anlehnung an:
P. Runkel (1929): Westerwaldsagen. Die Hexe aus der Mühle. Julius Beltz Verlag, Berlin-Leipzig, Neuauflage Dr. Marin Sändig oHG, Wallau, 1972, S. 293.
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Die Sage des Grafen Heinrich zu Sayn

Graf Heinrich III. zu Sayn war im ganzen Land als ein großer Herrscher im wahrsten Sinne des Wortes bekannt. Er vereinigte sein Territorium, gründete mehrere Klöster, entging einem Ketzerprozess und steigerte die Bedeutung der Grafschaft Sayn. Auch sein Körperbau war von außergewöhnlicher Länge und Kraft.[1]
So erzählt man sich noch heute die Geschichte, wie einst Heinrich III. hoch zu Ross nach Hause zog und dort seinen Sohn begrüßte. Mit seiner riesigen Pranke griff er nach dem Kopf des Sohnes, um ihn auf das Pferd zu heben. Da er sich seiner übermäßigen Kraft nicht bewusst war, zerdrückte er den Kopf des Kleinen.
Graf Heinrich zu Sayn wurde [wahrscheinlich] um1185/1190 als Erbsohn des Grafen Heinrich II. und seiner Frau Agnes von Saffenberg geboren.[2] 1215 heiratete er Mechthild von Landsberg. Sie zeugten mehrere Kinder, die jedoch alle in jungen Jahren verstarben. Seine spätere Regierungszeit  sollte den Höhepunkt der saynischen Geschichte darstellen. In der Sylvesternacht 1246/47 starb er.
 Foto: Archiv Alfred Schneider, Daaden
Foto: Archiv Alfred Schneider, Daaden
Die o.g. Fotografie zeigt eine Nachbildung der Grabfigur, welche [wohl] seine Ehefrau Mechthild erschaffen ließ.
Sie zeigt Heinrich mannsgroß (7 ½  Fuß), der seine rechte Hand auf den Kopf eines Kindes legt. Als Heinrich von Sayn starb, erwartete Mechthild vermutlich noch ein Kind, welches wohl nach wenigen Wochen/Monaten verstarb. Symbolisch jedoch könnte mit der Figur die Übertragung der Rechte und Besitztümer auf diesen vermeintlichen Erben dargestellt worden sein. Die Original Grabfigur kann noch heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg besichtigt werden.

[1] Im Weiteren beziehe ich mich auf: Langenbach, Wilhelm (1974): Stadt Friedewald 1324-1974, Gemeindeverwaltung Friedewald, Friedewald, S.7.
[1]Im Weiteren beziehe ich mich auf: Halbekamm, Joachim J.(1997): Die älteren Grafen von Sayn: Personen-, Verfassungs- und Besitzgeschichte eines rheinischen Grafengeschlechts 1139-1246/47. Historische Kommission für Nassau 61. Wiesbaden,  S. 67 ff..


  

Die Irrlichter


Schon immer hat es den wanderfreudigen Friedewälder in die nahe Umgebung gelockt. Unweit des Dorfes, in der Gemarkung Derschen gelegen, befindet sich das Naturschutzgebiet „Derscher Geschwämm“.

Der tonige Untergrund verhindert dort das schnelle absinken des Regenwassers. Im Laufe der Jahrhunderte konnten sich in der moorigen Landschaft Binsen und Röhricht, sowie seltene Tier- und Pflanzenarten ansiedeln. Ein Hochmoor entstand.

Bis heute hat sich eine Sage gehalten und wer weiß, ob nicht so mancher Wanderer noch heute von ähnlichen Erlebnissen erzählen könnte:

Es war einmal ein Bergmann, welcher im Daadetal in die Grube einfuhr. Hart und entbehrungsreich war die Arbeit, aber groß der Zusammenhalt unten den Bergmänner. „Glück auf!“ erschallte es nach getaner Arbeit und nur der, der den Berg von seiner dunkelsten Seite kennengelernt hat, kann die Hoffnung und den Segen, welcher auf diesen beiden Worten liegt von Herzen verstehen.

„Glück auf!“ erwiderte auch der Bergmann und wünschte seinen Kollegen eine gute Einfahrt. Er selbst hatte noch einen zweitstündigen Weg in sein kleines Höhendorf vor sich.

Rabenschwarz war die Nacht und um unnötige Wege zu umgehen schlug er den Pfad mitten durchs „Geschwemm“ ein. Trotz Dunkelheit scheute er sich nicht den gefährlichen Weg zu gehen, kannte er ihn, nach so vielen täglichen Durchquerungen, doch wie seine Westentasche. So ging er hin. Er war sicherlich schon eine Stunde unterwegs als er den Pfad durch das sumpfige Land betrat. Still lag der Wald um ihn herum und neblige Schwaden krochen über den Boden. In der Ferne durchbrach der Ruf eines Käuzleins die Stille. Er spürte den festen Boden unter seinen Füßen und ging sicher seines Weges weiter. Den Tod fürchtete er nicht, war er doch bei jeder Schicht sein treuer Begleiter. Plötzlich, er war sich ganz sicher, sah er ein kleines Lichtlein. Ganz kurz, dann wieder aufflackernd schien es fast stillzustehen. Sein Herz pochte. Konnte es sein, dass ein weiterer Wagemutiger den gefährlichen Weg durch die Nacht auf sich nahm? Er blieb stehen. „Hallo“, rief er in die Nacht hinein. Stille. Niemand antwortete ihm. Er wollte schon weiter gehen, da hörte er es. Ganz leise und zaghaft vernahm er ein „Hallo“. Der Bergmann nahm all seinen Mut zusammen und schritt langsam auf das Lichtlein zu. Er spürte wie der Boden unter seinen Füßen immer schwammiger wurde. Schon bald versank er knöcheltief im Morast und konnte nur unter allergrößter Kraftanstrengung seinen Weg fortsetzen. Der Sumpf schien ihn immer stärker gefangen zu halten. Das Licht fing an zu tanzen. Er rief um Hilfe, seine Muskeln zogen sich unter der Kraftanstrengung immer weiter zusammen. Lange, da war er sich sicher, konnte er aus eigener Kraft ein weiteres versinken nicht verhindern.

„Hilfe“, rief er erneut, aber als Antwort erschallte nur ein höhnisches Lachen. Da wusste er, dass ein Irrlicht ihn die Falle gelockt hatte. Irrlichter, davon hatte ihm bereits seine Mutter erzählt, sind Geister, die Menschen von ihrem Wege locken und sie zum sicheren Tod führen.

Da kam es ihm in den Sinn: „Glück auf!“. Er sprach es laut vor sich hin und tat langsam einen Schritt vor den nächsten. „Glück auf!“ diese zwei Worte, die ihm schon so oft Kraft und Mut zugesprochen hatten, brachten ihn auch in dieser dunklen Nacht zurück auf seinen Weg.

Der Morgen brach bereits an. Mit allerletzter Kraft hatte er es bis nach Hause geschafft.



In Anlehnung an:

P. Runkel (1929): Westerwaldsagen. Die Irrlichter. Julius Beltz Verlag, Berlin-Leipzig, Neuauflage Dr. Marin Sändig oHG, Wallau, 1972, S. 305-306.
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