Samstag, 8. Dezember 2012

Er suchte die Schönheit



Zu Beginn des 20. Jahrhundert besuchte der Limburger Schriftsteller, Leo Sternberg, Schloss Friedewald.
In sehr poetischer Weise, teilweise auch in fiktiver Form,  hat er seinen damaligen Besuch festgehalten.
Aber lassen wir ihn einmal selbst zu Wort kommen:

"Ich sah auf und traute meinen Augen nicht: über dem mondbeschienenen Berge stieg langsam ein goldner Balken senkrecht herauf; ein andrer legte sich glänzend hindurch: ein hohes goldenes Kreuz, das unirdisch im Raume schwebte, gleißte drüben in der Mondnacht!"



Sternberg hatte Nachts durch sein Fenster das Kreuz auf der von Graf Alexander erbauten Gruft gesehen.
Am nächsten Morgen suchte er das Gespräch mit Graf Alexander und erzählte ihm von seinem nächtlichen Erlebnis.
Graf Alexander erwiderte darauf:

"Ich habe mir schon das Kreuz auf das Grab gestellt, hoch und golden, dass ich es im Monde leuchten sehe vom Bette aus und am gedeckten Tische im Sonnenschein - und ich mache meinem Ich, dem guten Grafen Alexander, dort oben täglich meinen Besuch.
Wenn die Tännchen, mit denen ich den ganzen Bergeshang bepflanzt habe, zum Hochwald geworden sind und die Nachfahren auf der schmalen Schneiße, die geradewegs auf das Kreuz hinaufführt, wie in Domeshallen den Hügel hinansteigen, dann werden sie, von den Glöcklein meiner Heidschnuckenherde umklungen, die ohne Hirt um meinen Grabhügel weidet, dort auf der Bank sitzen; herunterblicken auf den Zwiebelturm des Schlosses, von dem noch immer die rote Wappenfahne weht; und werden träumerisch wie der Grillensang im sandigen Gras und die schwebende Federröschenheide in der Juliluft sagen:




"Er suchte die Schönheit!"





Quelle:
Sternberg, Leo (1924): Der Westerwald. Schloss Friedewald. Verlag Bagel AG, Düsseldorf, S. 89-90.